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Diercke

Der Weltatlas

FIRMENNAME
Westermann Gruppe

KLASSIKER
Schulatlas (seit 1883)

GRÜNDUNG
1838 in Braunschweig

GRÜNDER
George Westermann (1810 −1879)

ERFINDER
Carl F. W. Diercke (1842 −1913)

HAUPTFERTIGUNGSSTÄTTE
Braunschweig

Wer hat vor den Zeiten des Internets nicht einmal vor seinem Atlas gesessen und geträumt: von fernen Ländern, ihren Bewohnern, ihrem Klima – während man mit brennendem Fernweh beim Weiter­blät­tern mit dem Finger nach der eigenen Heimatstadt suchte. Und wenn man den Atlas zuschlug, dann stand auf dem Einband meist der Name, der in Deutschland seit über 130 Jahren die Welt bedeutet: Diercke. 1883 erschien im Westermann Verlag der „Schul-Atlas über alle Teile der Erde“ von Carl Diercke und Eduard Gaebler. Der Diercke, wie das Werk bald kurz genannt wurde, war keines­wegs der erste Atlas in Deutschland. Gerade der Westermann Verlag, 1838 von dem 28-jährigen George Westermann in Braunschweig gegründet, hatte auf diesem Gebiet bereits große Erfahrungen und Erfolge gesammelt. Was war nun das Besondere am Diercke, dass er nach der Jahrhundertwende in Deutschland zum führenden Gymnasialatlas wurde?

Im 19. Jahrhundert hatte die Geografie Einzug an Universitäten und Schulen gehalten, die weltweite Aus­dehnung des Handels und der kolonialen Interessen wie die voranschreitende Erderforschung widerspiegelnd. Westermanns Ziel war es, einen ganz neuen Atlas vorzubereiten, der diesen ver­än­derten Ansprüchen der Schule wirklich entsprach und der – nach Westermanns eigenen Aus­füh­rungen – „fürs Leben genügte und billig sein musste, dass er jedem zu kaufen möglich war“. Dass Diercke eigentlich kein Atlas, sondern eine Person war, ist über den Erfolg fast in Vergessenheit geraten. Als Leiter des Lehrer-Seminars in Stade war Carl Diercke vom preußischen Kultusministerium damit beauftragt worden, Atlanten auf ihre Eignung für den Schulunterricht zu begutachten. Nach ersten Gesprächen wusste Westermann, dass er in diesem Mann den Pädagogen gefunden hatte, den er brauchte: einen Schulmeister im besten Sinne des Wortes, voller Begeisterung für sein Lieblingsfach Geografie. „Eine Karte muss richtig, zweckmäßig und schön sein“: Das war der Kern von Dierckes Richtlinien. Heute mag man sich wundern, wieso diese Forderungen vor einem Jahrhundert so revo­lutionär anmuteten. Doch beweist gerade diese Frage, wie nachhaltig Dierckes Ansichten gewirkt haben. Die nach ihnen gearbeiteten Karten sind heute zur Selbstverständlichkeit geworden. Mit ihren Farbabstufungen lassen sie die physischen Verhältnisse der Erdoberfläche mit einem Blick erkennen: von den Blautönen für die Meerestiefen über das Grün der Niederungen und das helle Gelb der höheren Lagen bis zu den Braunfärbungen der Gebirge. Dafür stehen unzählige Farbnuancen und für das Relief die Schattenschummerung zur Verfügung. So entstehen plastische Bilder, in die sich selbst Kinder mühelos hineinsehen können. In weit über 300 Auflagen mit mehr als 16 Millionen Exemplaren prägte der Diercke für Generationen von Schülerinnen und Schülern das Bild von der Erde. Geschah dies meist mittels physischer Karten, so weitete sich das geografische Themenspektrum, forciert durch einen neuen Blick der Wissenschaften auf Gesellschaft und Umwelt. Der Diercke von 1974 setzte den Maßstab für die deutsche Schulkartografie.

Die jüngste, grundlegend überarbeitete Ausgabe mit ihren 250 Kartenseiten – darunter Hunderte von Spezialkarten – bietet eine derartige Fülle an Informationen, dass der Diercke seinen Besitzer nicht nur während der Schuljahre, sondern auch noch während des Studiums und darüber hinaus als ein wert­volles Nachschlagewerk begleitet. Die aktuelle Ausgabe beinhaltet einen „Online-Schlüssel“, der die Atlasnutzer zu einem digitalen Online-Globus führt. Dort präsentieren sich alle Atlaskarten auf der Globus-Kugel in 3-D. Das blaue Buch hat inzwischen einen digitalen Zwilling erhalten. Erstmals gibt es den Diercke als App, in der die Atlaskarten in ihre einzelnen Ebenen zerlegbar sind. Nicht nur das: Mithilfe unterschiedlicher Features kann sich jeder als Kartograf probieren, Signaturen setzen, Zeich­nungen anfertigen und die Inhaltsdichte der Karte aussteuern. Somit verkörpert der Atlas heute mehr denn je die Idee Westermanns und Dierckes von vor über einem Jahrhundert: einen Atlas fürs Leben zu erschaffen.